Wenn man an die Berliner Mauer denkt, stellt man sich meist eine einzelne bemalte Wand vor. So einfach war es nie. Was West-Berlin 28 Jahre lang umschloss, war ein System — eine innere Mauer, ein beleuchteter „Todesstreifen", Patrouillenwege, Stolperdrähte und eine äußere Mauer — insgesamt rund 155 Kilometer lang. Als sie in der Nacht des 9. November 1989 geöffnet wurde, bauten die Berliner sie in erstaunlichem Tempo ab. Innerhalb von zwei Jahren war fast alles weg. Die ehrliche Antwort auf „Wo kann ich die Mauer sehen?" lautet also: an einigen wenigen, sorgfältig gewählten Orten — und in einer dünnen Doppelreihe aus Kopfsteinpflaster, die ihren Verlauf noch durch die Stadt zieht.
Hier sind die Orte, zu denen ich Menschen führe, und warum.
Bernauer Straße — der wichtigste Ort zuerst
Wenn Sie nur einen Mauerort sehen, dann die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Nur hier ist die volle Tiefe der Grenze erhalten: die innere Mauer, der geharkte Todesstreifen und ein erhaltener Wachturm, von einer Aussichtsplattform aus zu überblicken, die die Geografie endlich verständlich macht.
Die Bernauer Straße war eine der grausamsten Straßen der Stadt, weil die Häuser im Osten standen, während der Gehweg zum Westen gehörte. In den ersten Tagen sprangen Menschen aus den oberen Fenstern in Sprungtücher; später wurden die Fenster zugemauert, dann die Häuser abgerissen. Die Kapelle der Versöhnung steht dort, wo die DDR 1985 eine Kirche sprengte, nur weil sie im Weg stand. Das Fenster des Gedenkens zeigt die Gesichter derer, die beim Fluchtversuch starben. Bewegend, ohne je effekthascherisch zu sein.
Checkpoint Charlie — ansehen, dann weitergehen
Ich sage es geradeheraus: Der Checkpoint Charlie ist heute der enttäuschendste Mauerort Berlins. Das Wachhäuschen ist eine Kopie, die „Soldaten" sind Schauspieler, die für Selfies kassieren, und Fast-Food-Ketten drängen sich um das berühmte Schild „You are leaving the American Sector". Und doch zählt der Ort — hier standen sich im Oktober 1961 amerikanische und sowjetische Panzer Kanone an Kanone gegenüber, einer der Momente, in denen der Kalte Krieg beinahe heiß wurde. Lesen Sie die kostenlosen Tafeln, dann gehen Sie weiter. In der nahen Zimmerstraße erinnert ein stilles Denkmal an Peter Fechter, der 1962 im Todesstreifen angeschossen wurde und vor den Augen beider Seiten verblutete.
Niederkirchnerstraße — die originale Außenmauer
Neben der Topographie des Terrors steht in der Niederkirchnerstraße noch ein rund 200 Meter langes Stück der originalen Außenmauer, heute ein geschütztes Denkmal. Es ist ramponiert und voller Löcher — hier hackten die „Mauerspechte" 1989 mit Hämmern ihre Stücke heraus. Neben dem echten, grauen, unbemalten Beton zu stehen sagt mehr als jeder restaurierte Abschnitt.
East Side Gallery — die Mauer als Leinwand
Die East Side Gallery ist das längste erhaltene Stück, 1,3 Kilometer entlang der Spree in Friedrichshain. Künstler aus aller Welt bemalten sie 1990, als die Grenze längst offen war — sie ist also eher ein Denkmal des Mauerfalls als ein Relikt der Teilung selbst. Sie werden Dmitri Vrubels sozialistischen „Bruderkuss" zwischen Breschnew und Honecker erkennen und Birgit Kinders Trabant, der durch den Beton bricht. Es wird voll; kommen Sie früh.
Die Spuren, die man sonst übersieht
- Die Doppelreihe aus Kopfsteinpflaster, quer durch die Mitte in Straßen und Gehwege eingelassen, beschriftet mit „Berliner Mauer 1961–1989".
- Der Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße — die alte Grenzabfertigungshalle, in der sich Ostberliner von ihren westlichen Besuchern verabschiedeten, heute eine kostenlose und sehr gute Ausstellung.
- Die „Geisterbahnhöfe" — U- und S-Bahnhöfe im Osten, durch die Westzüge fast dreißig Jahre lang ohne Halt rollten, versiegelt und bewacht.
Wie viel Zeit brauchen Sie?
Ein halber Tag reicht für die Bernauer Straße und ein, zwei weitere Orte in Ruhe. Ein ganzer Tag lässt Sie der Geschichte von der Teilung bis zur Nacht des Falls folgen. Was diese verstreuten Orte verbindet, ist das Menschliche — die Fluchten, die für eine Generation getrennten Familien, der Grenzoffizier, der schließlich den Schlagbaum hob. Genau darum geht es in meiner Tour Geteiltes Berlin, die dem Leben eines Ostberliners vom Bau der Mauer bis zu ihrem Fall folgt. Der Beton ist nur die Hälfte; die Menschen sind der Rest.
Passende Tour
Tour zum Dritten Reich
Die Zeit des Nationalsozialismus, erzählt anhand der Geschichten meines Großvaters.


